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Vom Zyklusmonitoring zur Spermien-Mikroinjektion
Mit dem 20. Geburtstag des ersten "Retortenbabys" Louise Brown,
geboren am 25.07.1978, sind die Verfahren der assistierten Reproduktion
erneut in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.
Ging es damals ausschließlich darum, Frauen mit definitiven Passagestörungen
der Eileiter mit Hilfe der In-vitro-Fertilisation (IVF) zu einem eigenen
Baby zu verhelfen, so hat sich die Indikationsstellung in den letzten
Jahren auch auf die Formen der andrologischen Subfertilität bis hin
zur Azoospermie ausgedehnt.
Methoden der assistierten Reproduktion
Bis Anfang der 90‘er Jahre umfasste das Behandlungsspektrum
der Reproduktionsmedizin das Zyklusmonitoring, die Zyklusoptimierung,
das Anfertigen von Spermiogrammen, die intrauterine Insemination, die
GIFT-Behandlung und die In-vitro-Fertilisation (IVF). 1993 kamen in Deutschland
die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) einschließlich
mikrochirurgischer epididymaler Spermienaspiration (MESA) und testikulärer
Spermienextraktion (TESE) in Verbindung mit der Kryokonservierung von
Spermien und befruchteten Eizellen im Vorkernstadium dazu. Erst mit der
ICSI konnte sich eine viel versprechende Alternative zur herkömmlichen
IVF bei erheblicher andrologischer Subfertilität entwickeln. Im Vergleich
zu anderen Techniken der assistierten Fertilisation, wie Zonadrilling
(ZD), partieller Zonadissektion (PZD) oder subzonaler Insemination (SUZI)
ist die ICSI zur Zeit die erfolgreichste Behandlungsmethode. Dennoch sollte
die andrologische Subfertilität aber nur dann als Indikation für
ICSI dienen, wenn entweder Spermiendichten von unter 3 - 5 Mio./ml vorliegen
bzw. nicht davon ausgegangen werden kann, dass für die IVF mindestens
200.000 progressiv mobile, gereinigte Spermien pro Eizelle zur Verfügung
stehen, oder es bei 1 - 2 vorausgegangenen klassischen IVF-Versuchen bei
ausreichender Oozytenanzahl nicht zu Fertilisationen kam. Weiterhin bestehen
bei der MESA und der TESE die besten Chancen auf Erfolg, wenn sich die
intrazytoplasmatische Spermieninjektion dem anschließt.
Durchführung
der IVF und ICSI
Für die klassische IVF und die ICSI erfolgt die ovarielle Stimulation
meistens im Rahmen des langen Protokolls. Hierbei erhalten die Patientinnen
ab dem 20. Zyklustag im Vorzyklus täglich subcutan bzw. nasal ein
GnRH-Analogon oder eine einmalige Injektion eines Depotpräparates.
2 Wochen nach Spritzenanfang und nach der Regelblutung beginnt die eigentliche
ovarielle Stimulation. Stimuliert wird mit HMG, FSH oder rekombinantem
FSH, in der Regel mit 150 IE täglich. Die HCG-Applikation (10.000
IE) erfolgt bei einem Durchmesser der Führungsfollikel ab 20 mm 36
Stunden vor der ultraschallgesteuerten vaginalen Follikelpunktion.
Im Anschluß an die vaginale Follikelpunktion kommen die gewonnenen
Oozyten in ein mit 5% CO2 bei 37°C begastes Ham’s F10-Medium,
um bei dem klassischen IVF-Verfahren nach ca. 4 - 5 Stunden mit einer
genau festgelegten Menge an progressiv mobilen Spermien gemischt zu werden.
Bei der ICSI-Variante erfolgt nach etwa 3 Stunden die Freipräparation
der Eizellen. Dazu müssen die Eizellen etwa 30 Sekunden lang in Hepes-gepuffertem
Ham’s F10-Medium mit 80 IE Hyaluronidase gespült und mit Hilfe
feinster Pipetten von der Cumulusmasse befreit werden. Anschließend
findet die Spermien-Mikroinjektion der reifen Metaphase-II-Oozyten statt.
Für die IVF und die ICSI erfolgt die Spermienaufbereitung durch Waschen
in Ham’s F10-Medium, 10-minütiger Zentrifugation bei 500 G
und anschließendes swim up (soweit möglich). Bei der ICSI werden
unter einem speziellen Mikroskop, das mit Manipulatoren für die Mikroinjektion
ausgerüstet ist, die Oozyten mit der Haltepipette so gefasst,
dass das Polkörperchen bei 6 Uhr zu liegen kommt . Mit der Injektionspipette
wird dann jeweils ein immobilisiertes Spermatozoon bei 3 Uhr in die Eizelle
injiziert . Anschließend erfolgt die erneute Umsetzung der Eizellen
in den Inkubator.
16 bis 18 Stunden nach dem Zusammenbringen von Oozyten und Spermien werden
die Eizellen auf Fertilisationszeichen (2 Pronuclei) hin untersucht und
nach weiteren 26 bis 28 Stunden erfolgt der Embryotransfer. Insgesamt
werden bis zu 3 Embryonen (Abb. 4: 1 Embryo - Zweizeller - zwei Tage nach
IVF bzw. ICSI) mittels eines speziellen Embryotransferkatheters transzervikal
in das Cavum uteri gebracht. Zur Unterstützung der lutealen Phase
erhalten die Patientinnen 3mal täglich über 2 Wochen 200 mg
Progesteron intravaginal und, vorausgesetzt es bieten sich keine Zeichen
einer Überstimulation, zusätzlich am Transfertag 5.000 IE HCG
i.m.
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Ergebnisse
Schwangerschaftsraten in Abhängigkeit von den einzelnen Behandlungsmethoden
an der Frauenklinik der Ev. Diakonissenanstalt (Bremer Zentrum für
Fortpflanzungsmedizin)
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Anzahl der behandelten Patientinnen
Anzahl der Zyklen (gesamt)
Spontanzyklen
Homologe intrauterine Insemination
IVF-Zyklen
ICSI-Zyklen
Abbruch des Beandlungszyklus
Spontan-Schwangerschaftsrate
Inseminations-Schwangerschaftsrate
IVF-Schwangerschaftsrate pro Embryotransfer
ICSI-Schwangerschaftsrate pro Embryotransfer |
1996
316
507
20
139
175
173
22
27,8 %
14,7 %
18,9 %
30,5 % |
1997
451
640
26
206
152
225
31
15,4 %
17,0 %
23,8 %
30,2 % |
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Diskussion
Im Hinblick auf mögliche Risiken kommt es bei dem ICSI-Verfahren
zu einer normalen Embryonalentwicklung, Schwangerschaft und Geburt eines
gesunden Kindes. So konnte die Brüsseler Arbeitsgruppe um van Steirteghem
bei 1.180 Kindern, die nach ICSI geboren wurden (Stand 16.04.96), eine
Fehlbildungsrate von 2,5% gegenüber einer Rate von 4 - 5% in der
Normalpopulation nachweisen. Nur das Risiko für eine Chromosomenanomalie
soll aufgrund der Selektion der andrologischen Ursachen für die Sterilität
leicht erhöht sein. Daher empfehlen wir unseren Kinderwunsch-Paaren
vor Behandlungsbeginn eine humangenetische Abklärung evtl. mit Karyotypisierung
durchführen zu lassen. Die anderen Risiken wie Überstimulationssyndrom
und Mehrlingsgravidität sind identisch denen der klassischen IVF-Behandlung.
Hinsichtlich der Erfolgsaussichten ist die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit
bei einem Transfer von 3 Embryonen (mehr sind laut deutschem Embryonenschutzgesetz
nicht erlaubt) rund 30%. Nach insgesamt 6 Behandlungszyklen und jeweils
einem Transfer von 3 Embryonen steigt die sogenannte kumulative Schwangerschaftsrate
auf 70%. Ist aber nach 6 Behandlungen keine Schwangerschaft eingetreten,
nimmt statistisch gesehen bei weiteren Versuchen die Wahrscheinlichkeit
auf eine Schwangerschaft nicht mehr zu sondern ab.
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Fazit
In den letzten 20 Jahren sind weltweit weit über 200.000 IVF-Kinder
geboren. Die Fortpflanzungsmedizin hat heute einen Entwicklungstand erreicht,
der es ermöglicht, vielen Paaren den Wunsch auf ein eigenes Kind
zu erfüllen, die selbst zur Zeit der Geburt von Louise Brown noch
nicht darauf hätten hoffen können.
aus "Bremer Ärztejournal" Heft 10/98 © O. Drost, E.H.
Schmidt
Literatur erhältlich bei den Verfassern Bremer Zentrum für Fortpflanzungsmedizin
Prof. Dr. med. Ernst Heinrich Schmidt und
Dr. med. Olaf Drost
Frauenklinik, Evang. Diakoniekrankenhaus
gGmbH Bremen
Gröpelinger Heerstraße 406 / 408
28239 Bremen
Tel. (0421) 61 02-0, Fax (0421) 61 02-12 29.
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